Die Kosten sind das Problem!

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Je attraktiver ein Standort, desto eher sind Unternehmen bereit, sich dort niederzulassen oder weiter in bestehende Firmensitze zu investieren. Deutschland gehört zwar zu den Top-Standorten der Welt, die hohen Produktionskosten sind aber ein großes Problem. Wie attraktiv ein Standort für die Wirtschaft ist, lässt sich nicht anhand eines einzelnen Indikators ablesen. Vielmehr ergibt sich das
Gesamtbild aus zahlreichen Faktoren.

Die Spitzenposition im Niveau­ranking verteidigt – trotz hoher Kosten – die Schweiz. Grundlage dafür ist der deutliche Vorsprung der Schweizer vor allen anderen Nationen im Teilbereich Wissen.

Um die Qualität eines Standorts zu bewerten, berücksichtigt das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) daher in seinem Standortindex diverse Parameter. Den sechs übergeordneten Kategorien Governance, Infrastruktur, Wissen, Ressourcen, Kosten und Markt sind insgesamt mehr als 50 Einzelindikatoren zugeordnet. Alle Werte fließen in einen Index ein, der Mittelwert aller Indikatoren wird auf 100 normiert. Länder mit einem höheren Indexwert als 100 bieten den M+E-Firmen folglich überdurchschnittlich gute Rahmenbedingungen.
Bereits seit dem Jahr 2013 analysieren die IW-Forscher jährlich die Standortqualitäten der 44 wichtigsten M+E-Nationen. Im aktuellen Ranking werden das Niveau auf der Basis der Daten von 2016 sowie die Dynamik seit dem Jahr 2000 untersucht und verglichen.
Deutschland zählt zu den qualitativ besten M+E-Standorten der Welt (Grafik oben). Die Bundesrepublik belegt im Niveauranking für 2016 unter 44 Ländern den neunten Platz. Dass es für den Standort Deutschland nicht zu einer noch besseren Platzierung reicht, lässt sich klar an einer Kategorie festmachen: den Kosten. Auch wenn die traditionellen Industrieländer in diesem Bereich generell ihre größte Schwäche haben, sticht das deutsche Abschneiden mit Rang 41 negativ heraus. Die Platzierung ist vor allem den vergleichsweise hohen Strompreisen für die Industrie sowie den hohen Arbeitskosten zuzuschreiben. »

Mit den sechsthöchsten Arbeitskosten steht Deutschland deutlich schlechter da als die großen Konkurrenten aus Asien und Nordamerika. Höher als in Deutschland sind diese Kosten nur noch in Belgien, Dänemark, Norwegen, Schweden und der Schweiz.
In anderen Bereichen kann die Bundesrepublik dagegen glänzen (Grafik oben). In der Kategorie Infrastruktur verhelfen vor allem leistungsfähige Logistiksysteme dem Standort Deutschland zum vierten Platz. Die gleiche Position erreicht Deutschland in der Kategorie Markt. Die Verbreitung von Unternehmensclustern, ein starker Industrie-Dienstleistungsverbund sowie umfangreiche und leistungsfähige Wertschöpfungsketten sind hier entscheidende Pluspunkte. Unter den Top Ten landet der Standort Deutschland auch in den restlichen Teilbereichen Ressourcen, Wissen und Governance.
Die Spitzenposition im Niveauranking verteidigt – trotz hoher Kosten – die Schweiz. Grundlage dafür ist der deutliche Vorsprung der Schweizer vor allen anderen Nationen im Teilbereich Wissen. Hinter den Eidgenossen folgen Schweden und die Niederlande. Während mit den USA und Japan auf den Plätzen vier und fünf zwei große Konkurrenten vor Deutschland landen, liegen mit Südkorea (Rang 19) und China (Rang 23) andere M+E-Schwergewichte deutlich zurück. Insgesamt dominieren die traditionellen Industrienationen das Ranking. Sie verzeichnen in allen Kategorien mit Ausnahme der Kosten einen deutlichen Vorsprung gegenüber den aufstrebenden Schwellenländern. Diese punkten also vor allem mit niedrigen Lohn- und Produktionskosten.
Betrachtet man die Entwicklung der Standorte zwischen 2000 und 2016, schneiden die neuen Wettbewerber am besten ab. Die Erklärung ist simpel: Die etablierten Industriestaaten sind in ihrer Entwicklung weit fortgeschritten und haben nur noch ein begrenztes Verbesserungspotenzial. Ganz anders sieht es in den Schwellenländern aus. Dort gibt es meist in allen Kategorien Luft nach oben. Angesichts dieser Voraussetzungen kommt der Standort D erstaunlich gut weg: Deutschland erreicht im Dynamik­ranking immerhin Rang 24 und einen Indexwert nur knapp unterhalb des Durchschnitts aller 44 M+E-Nationen.
In den Teilbereichen Infrastruktur und Wissen hat sich der Standort Deutschland sogar überdurchschnittlich gut entwickelt. Die hohe Kostendynamik beschert dem Standort Deutschland in dieser Kategorie dagegen den unerfreulichen Rang 41, was auch die Gesamtplatzierung der deutschen M+E-Industrie nach unten zieht.
Dennoch liegt Deutschland im Dynamik­ranking vor vielen anderen traditionellen Wettbewerbern. Die Entwicklung seit dem Jahr 2000 verlief hierzulande deutlich besser als bei den Konkurrenten aus Japan (Rang 30) und den USA (Rang 42). Südkorea auf Platz acht und China als Sieger des Dynamikrankings konnten dagegen den Rückstand auf Deutschland verkürzen. Hinter der Volksrepublik schafften es auch Rumänien, Bulgarien, Lettland und Indonesien unter die besten fünf. Da die Unterschiede zwischen den neuen Wettbewerbern und den traditionellen Industrienationen im Dynamikranking deutlich geringer ausfallen als im Niveauranking, ist der Abstand zwischen den beiden Gruppen weiterhin groß. Die neuen Wettbewerbsländer benötigen daher dauerhaft eine hohe Dynamik, um spürbar näher an die etablierten M+E-Länder heranzurücken.

Dieser Beitrag basiert auf dem Gutachten „Siebter Strukturbericht für die M+E-Industrie in Deutschland“, das die IW Consult im Auftrag des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall erstellt hat.
Download unter gesamtmetall.de